Schlagwort: Baby

  • 08 – Der 12. Geburtstag | \O/

    Kurzer Reminder vorab: Wir befinden uns immer noch bei den alten Texten ( \O/ ) mit einer Reflexion aus heutiger Sicht.


    Moin zusammen!

    Mein Großer hatte Geburtstag. Den 12. Geburtstag.

    Oh Mann, wie alt bin ich denn?

    Für mich ist es noch überhaupt nicht so lange her, dass ich ihn bekam.

    Kennt ihr dieses Gefühl auch?

    Ich weiß noch, wie der Tag vor seiner Geburt war.

    Mein Mann und ich waren bei IKEA und haben dort noch irgendwas gekauft. Was genau, weiß ich aber nicht mehr.

    Ich hatte schon Mühe, die Treppen zu gehen, aber ich wollte es unbedingt.

    Danach waren wir im Wald spazieren.

    Nach einer kurzen Strecke bekam ich schon so etwas wie Seitenstiche.

    Mein Mann wollte umkehren, ich nicht.

    Ich wollte das so.

    Er musste mich aus dem Wald herausstützen.

    Daheim schlürfte ich noch mindestens zwei Wehencocktails, aber ohne den Sekt darin.

    Ich wollte zwar unbedingt, dass er kommt, aber nicht um jeden Preis. Daher schloss ich Alkohol aus.

    Wieso ich das wollte?

    Nun ja, ich hatte Angst, dass er am 27.03. zur Welt kommt.

    An dem Tag haben zwar auch eine alte Freundin und meine ehemals beste Freundin Geburtstag, aber auch mein „Erzeuger“, welcher alles andere als gut für mein Leben war.

    Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass das arme Kind eventuell am selben Tag Geburtstag hat.

    Der errechnete Geburtstermin war nun mal an dem Tag, als ich bei IKEA und im Wald war und es war nichts passiert.

    Panik machte sich bei mir breit.

    Ich ging so gegen 22 Uhr ins Bett und schlief schnell ein.

    Gegen 2 Uhr morgens wurde ich wach.

    Da zwickte etwas.

    Ich stand auf.

    Das alarmierte meinen Mann.

    „Geht es los?“, fragte er.

    Ich antwortete:

    „Nein, schlaf weiter. Ist alles gut.“

    … und stand auf.

    Mein Mann ließ sich damit nicht abspeisen.

    „Du hast doch etwas“, bemerkte er und stand ebenfalls auf.

    Ich erklärte ihm, dass es eben ein bisschen gezwickt hatte und ich nun ins Bad gehen wollte.

    Er ging mit.

    Wir setzten uns ins Wohnzimmer und das „Zwicken“ wurde immer heftiger.

    Der Doc hatte erklärt, dass man bei Wehen einen Tischkanten-Effekt hätte.

    Also so starke Wehen, dass man in die Tischkante beißen könnte.

    Er schrieb alles auf, auch die „Tischkanten-Effekte“.

    Wortwörtlich wurde das notiert.

    Den Zettel habe ich übrigens noch.

    Gegen 6 Uhr in der Früh sind wir dann in die Klinik gefahren.

    Dort wurde ich untersucht und rausgeschickt zum „Spazierengehen“.

    Nun, wir gingen und riefen meine Mutter an.

    „Mama, es geht los, wir sind im Krankenhaus“, keuchte ich ins Telefon.

    Als Antwort kam:

    „Das ist gut, wir fahren jetzt auch ins Krankenhaus.“

    Klatsch.

    Das hat gesessen.

    Meine Mutter war erkrankt, als ich im 7. Monat war und musste nun am offensichtlichen Geburtstag meines Sohnes auch ins Krankenhaus.

    Eine Nachricht, die man in so einer Situation absolut nicht gebrauchen konnte.

    Die Schmerzen wurden heftiger und wir gingen wieder in den Kreißsaal.

    Ich hatte mir eine romantische Wannengeburt gewünscht und diese schon vorher angemeldet.

    Da meine Fruchtblase noch nicht geplatzt war, schickte mich die Hebamme in die Badewanne.

    Es war so gegen 8 Uhr.

    Ich setzte mich in die Badewanne.

    Ich mag baden, aber das … das ging gar nicht.

    Doch ich musste da jetzt durch.

    Mir war nicht wohl und nach kurzer Zeit hörte ich auch ein „Knacks“.

    Mein Mann hörte es nicht, aber die Fruchtblase war geplatzt.

    Ich wollte sofort aus der Wanne, mir war so schlecht.

    Die Hebamme kam gerade rein, als ich mir einen Bademantel umwarf.

    „Ich will keine Wannengeburt mehr“, schleuderte ich ihr entgegen.

    Sie schaute mich mit großen Augen an.

    „Okay, dann gehen wir hier rüber in das Zimmer.“

    Ich sollte mich ins Bett legen und wurde an den Wehenschreiber angeschlossen.

    Du meine Güte!

    Wieso bloß?!

    Als die Hebamme mit ihren Untersuchungen fertig war und den Raum verließ, fing ich an „rumzuzappeln“.

    Offensichtlich kann ich nicht still liegen oder sitzen bleiben, wenn ich starke Schmerzen habe.

    Ich wollte aufstehen.

    Ich wollte im Zimmer herumlaufen.

    Es ging nicht.

    Ich setzte mich hin.

    Ich kniete mich hin.

    Ich machte den Vierfüßlerstand.

    Mein Mann war der Verzweiflung nahe.

    Er hatte Angst, dass ich die Kabel abreiße.

    Mir war das egal.

    So ging das eine Weile.

    Die Hebamme kam rein, ging raus.

    Dann ging irgendwann auch mein Mann kurz raus.

    Er wollte endlich eine Zigarette rauchen.

    Zu dem Zeitpunkt war er noch Raucher.

    Natürlich setzten die Presswehen in dem Moment ein, als ich komplett alleine war.

    Erstklassig!

    Kurz bevor der Kopf in den Geburtskanal eintrat, kam mein Mann wieder rein.

    Kein Moment zu spät.

    Frauen, die schon spontan entbunden haben, wissen sicher, was passiert, wenn der Kopf in den Geburtskanal eintritt.

    Er kümmerte sich darum, der Arme.

    Dann kam auch die Hebamme wieder.

    Sie hatte Nierenschalen geholt.

    Sehr viele.

    Und ich dachte noch:

    „Was will sie damit?“

    Meine Mutter hatte ich früher ausgelacht, als sie erzählte, dass sie sich bei jeder Presswehe übergeben musste.

    Ich hätte das vielleicht nicht machen sollen.

    Mir ging es genauso.

    Ich presste, spuckte, presste, zerrte an meinem Mann.

    Dann steckte das Kind fest und ich konnte nicht mehr.

    Ich war der Ohnmacht nahe.

    Die Hebamme, schon älteres Semester, merkte das und sagte:

    „Sie schaffen das. Ich habe sechs Kinder auf natürlichem Weg bekommen.“

    Zwosch!

    Mir entfuhr ein:

    „Ach du Scheiße!“

    … und ich war wieder voll da.

    Ich fragte, ob ich nicht doch eine PDA haben könnte.

    Die Hebamme lächelte und sagte:

    „Jetzt brauchen Sie auch keine mehr. Ich sehe schon das Köpfchen.“

    Dann machte es „plums“ und der Kleine war da.

    Mein Mann durfte leider nicht die Nabelschnur durchtrennen, denn laut Hebamme musste es jetzt schnell gehen.

    Andere Leute kamen und plötzlich war mein Mann mit Baby verschwunden.

    Glücklicherweise hatten wir eine Klinik mit Anschluss an die Kinderklinik ausgewählt und die brauchten wir nun.

    Man machte mich fertig, nähte die gerissene Wunde und stellte mich dann eine Stunde auf den Flur, wo ich den ganzen anderen werdenden Müttern zuhören konnte.

    Ich hatte einen Bärenhunger und machte mir Sorgen, wo meine zwei Männer denn blieben.

    Nach besagter Stunde kamen beide wieder und wir durften ins Zimmer.

    Es war nochmal alles gut gegangen.

    Ja, und das ist bei mir noch so in Erinnerung, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass das schon 12 Jahre her sein soll.

    Gefeiert wird der Geburtstag erst nach den Osterferien.

    Denn die Kinder sind meist mit ihren Eltern unterwegs und außerhalb der Ferien sind die Indoorparks auch nicht so überfüllt.

    Wie jedes Jahr möchte er in einen Indoorpark.

    Diesmal aber in einen, der einen Hochseilgarten hat.

    Eigentlich hat er Angst vor Höhe, aber er will sich dieser Angst mit seinem besten Freund stellen.

    Wir werden sehen.

    An seinem Geburtstag waren wir unter uns.

    Es gab Käsekuchen, Pflaumenkuchen und abends noch die gewünschte Currywurst mit Pommes.

    Also mit Punkte zählen war da nichts.

    Eine Weight-Watchers-Pause.

    Die Quittung kam aber prompt.

    Mir ist ganz übel von diesem Essen.

    Ich fühle mich ganz dreckig von innen.

    Ich glaube, ich brauche das nicht mehr.


    Reflexion:

    Einer der wenigen Momente, in denen mein Mann da war und ohne es mir hinterher vorzuhalten.

    Dass meine Mutter in derselben Nacht ins Krankenhaus kam, überschattete alles und es wurde auch nicht besser.

    Ich habe die Nacht nach der Geburt auch nicht geschlafen.

    Ich saß am Fenster, das Baby neben mir und habe im Mondschein zugesehen, wie er schlief.

    Ich habe die ganzen drei Tage irgendwie nur ein paar Stunden geschlafen.

    Es gab mit dem Stillen Probleme, da mehr Milch produziert werden musste und ich hatte unfassbare Angst, dass mir jemand mein Kind nimmt, während ich schlafe.

    Das Gewicht … tja.

    Hätte ich damals schon gewusst, dass ich ein vererbtes Lymphödem und Lipödem habe – und das auch noch von beiden Familienseiten meiner Eltern –, hätte ich mir viel Leid ersparen können.

    Aber leider ist in all den Jahren niemand darauf gekommen und lediglich meine Oma wusste, dass etwas mit „ihren Drüsen“ nach ihrer ersten schweren Geburt nicht stimmen würde.

    Dass mehr dahinter steckte, ahnte niemand.

  • 07 – Die Waage, Neurodermitis, IKEA und ich. | \O/

    Moin!

    Es ist gerade mitten in der Nacht und ich bin wach.

    Geweckt durch meinen Großen.

    Er hat momentan so schlimme Neurodermitis, dass wir selbst mit Kortisoncremes nicht weiterkommen.

    Heute Nacht hatte er sich so aufgekratzt, dass er vor Schmerzen aufgewacht ist.

    Am Wochenende habe ich einen Stoff für Neurodermitispatienten gekauft.

    Dieser Stoff enthält einen Silberanteil und soll angenehm auf der Haut sein.

    Da ich für größere Kinder keine Overalls oder Pullover mit angenähten Handschuhen gefunden habe, fügte sich wieder das Schicksal.

    Meine Schwägerin näht Kleidung für Kleinkinder und Babys und war auf der Suche nach einer neuen Herausforderung.

    Als ich ihr vom Leid des Großen berichtete, bot sie an, dass sie so ein Oberteil mit Handschuhen nähen könnte.

    Dankend nahm ich an.

    Ich habe zwar selber eine Nähmaschine, aber ich bin eher ungeschickt in solchen Dingen.

    Trotzdem steht es auf meiner To-do-Liste, dass ich mich irgendwann aufraffe und versuche zu nähen.

    Hoffentlich bekommt sie es hin und ich habe bald einen Pullover für den Großen, der ihn vom Kratzen abhält.

    Ja, und eigentlich bin ich eher davon ausgegangen, dass ich heute Nacht wach bin, weil mich der Kleine auf Trab hält.

    Denn der hatte gestern ganz große Probleme mit seinen Zähnchen und bekam vor dem Schlafengehen einen Schmerzsaft.

    Keine Minute zu früh, denn kurz nach der Saftgabe ging es richtig los und er robbte vor Schmerzen durch das Bett, bevor der Saft endlich wirkte und er einschlafen konnte.

    Fünf Stunden hat er sogar am Stück geschafft und ist nach dem Stillen wieder fix eingeschlafen.

    Ich sitze hier jetzt noch und warte die Lage ab, denn es kann gut sein, dass der Große gleich wieder vor mir steht.

    Abwarten.

    Am Dienstag hatte ich ja wie immer meinen Wiegetag.

    Die Waage war alles andere als gnädig und zeigte eine Zunahme von 500 g.

    Klasse!

    Natürlich passierte, was immer passiert.

    Meine drei Freunde – Selbsthass, Wut und der Gedanke, alles hinzuwerfen – waren sofort wieder da.

    Klar wisst ihr, was ich am nächsten Tag getan habe.

    Richtig!

    Ich stand natürlich wieder auf der Waage.

    Doch siehe da.

    Was war das?

    Das Einstellgewicht war zu viel und ich musste den Regler verschieben.

    Allerdings nicht in die negative „Ich-habe-noch-mehr-zugenommen“-Richtung, sondern in die „weniger-Gewicht“-Richtung.

    Ich hatte tatsächlich abgenommen und das, obwohl ich mich kaum an meine Punkte gehalten habe.

    Allen Anschein nach muss es aber im Rahmen gewesen sein.

    Um das Ganze noch perfekt zu machen, durfte ich an diesem Tag zu IKEA.

    Achtung!

    Ich wedel gerade mit einem Sarkasmus-Schild herum.

    Ich hasse shoppen gehen und ich hasse IKEA.

    Meine zwei Söhne nahm ich mit.

    Mein Mann wollte nicht, wie immer.

    Dort angekommen waren natürlich alle Eltern-Kind-Parkplätze besetzt.

    Zum Glück kann der Kleine schon im Einkaufswagen sitzen.

    So nahmen wir ihn aus dem Maxi-Cosi und setzten ihn in einen Einkaufswagen, der praktischerweise in der Nähe unseres ganz-weit-vom-Eingang-weg parkenden Autos stand.

    Natürlich musste ich so parken, dass wir den Kleinen ohne großen Aufwand aus dem Auto raus und anschließend wieder rein bekamen.

    Im IKEA stellte ich meinem Großen eine fatale Frage.

    Ich wollte von ihm wissen, ob er einmal ganz durch den Markt gehen möchte oder ob wir abkürzen wollen.

    Er wollte einmal komplett durchgehen.

    Ich spürte schon, wie sich mein Magen zusammenzog.

    Okay, Schatz. Einmal durch.

    Schon am Anfang fühlte ich, dass Aggression in mir zu lodern begann.

    Viele Menschen, die unfassbar langsam vor uns herschlenderten.

    Je weiter wir vorankamen, umso schlimmer wurde es.

    Der Höhepunkt war in der Geschirrabteilung erreicht.

    Leute standen quer im Gang mit ihren Wagen, nirgendwo kam man richtig durch.

    Dazu noch diese Hitze.

    Wieso müssen alle Märkte immer ihre Heizungen auf atomheiß stellen?

    Grausig.

    Nein, da sitze ich lieber vorm PC mit einem Becher Kaffee und gehe online shoppen.

    Leider muss man bei IKEA aber einen „geht-ja-gar-nicht“-Betrag für Lieferungen zahlen und ich komme nicht drum herum, selber in den Markt gehen zu müssen.

    Die Möbel sind zwar fast durchweg minderwertig – bis auf die Vollholzsachen –, doch der Preis für Geschirr ist super und ich brauche immer viel Geschirr.

    In der Aufbewahrungsabteilung dachte ich auch noch kurz daran, ein paar Boxen mitzunehmen, doch da ich eine Box einen Tag zuvor gekauft hatte, tat ich es nicht.

    Die Box war übrigens fast identisch mit den Boxen bei REAL, nur dass ich bei REAL fast das Doppelte dafür zahlte.

    Grml.

    Aber nun weiß ich Bescheid.

    Als wir dann endlich wieder raus waren, fuhren wir direkt heim.

    Zuhause fragte mich mein Mann dann eine Stunde später, ob wir nicht noch Boxen für den Kleinen kaufen könnten, um sein Spielzeug darin zu lagern.

    Klar.

    Gut, dass ich gerade bei IKEA war.

    Nun, offensichtlich fahre ich diese Woche nochmal dorthin.

    Yeah!

    Ich freue mich.

    Achtung!

    Ich habe noch immer mein Schild.

    Ich erzähle euch dann, wie es war … sollte ich wirklich fahren.

    Ach, und natürlich wollte mein Mann Köttbullar haben.

    Doch keine gekauften.

    Gut, dass ich einen Tag vorher schon Mettbällchen für Köttbullar vorgefertigt hatte.

    Als ob ich es geahnt hätte.

    Lecker war es.

    Meine Männer bekamen Nudeln dazu und ich Kartoffeln.

    Während ich euch schreibe, ist es mittlerweile 2:43 Uhr.

    Jetzt bin ich fast drei Stunden auf und das Baby weinte eben auch nochmal.

    Im Lichtschein sah ich, dass seine Wangen rot werden.

    Also feuerwehrrot.

    Ich habe mir jetzt einen Kaffee geholt.

    Denn schlafen kann ich heute sicher nicht mehr.

    Euch wünsche ich aber eine gute und erholsame Nacht.


    Reflexion:

    Ja, ich weiß gar nicht, ob ich weinen oder lachen soll.

    Lachen, weil ich bei der Beschreibung von mir denke:

    Du beschreibst da gerade deine eigene Neurodiversität.

    Allerdings habe ich mich nicht testen lassen.

    Ich werde zwar von Professoren und Kinderpsychiatern darauf angesprochen, aber ich sehe gerade keine Notwendigkeit, mich selbst testen zu lassen.

    Außer zig Termine, die mich stressen werden, sehe ich keinen Nutzen für mich darin.

    Weinen, weil ich am Limit war.

    Ich trotzdem irgendwie funktioniert habe und ganz offensichtlich in keinster Weise Unterstützung hatte.

    Nennt man das verheiratet alleinerziehend?

  • 06 – Das andere Kind…| \O/

    Hallo zusammen!

    Mein Großer hat sich nun dazu entschlossen, die Verhaltenstherapie nicht zu machen.

    Begeistert war ich darüber nicht gerade.

    Diesen merkwürdigen Psychologen wollte ich meinem Kind zwar nicht anvertrauen, allerdings war ich am Überlegen, ob ich nicht eine Alternative suche.

    Doch dann kam alles anders.

    Am Donnerstag hatte ich eine Einladung zu einem Gespräch mit den drei Lehrerinnen meines Sohnes bezüglich des weiteren Werdeganges.

    Die Anwesenheit des Großen war natürlich erforderlich, was er alles andere als gut fand.

    So machten der Große, das Baby und ich uns also am Donnerstag auf in die Schule zum Gespräch.

    Auf dem Weg dorthin fragte ich den Großen mehrfach, ob er mir vorher noch etwas sagen müsse, doch jedes Mal verneinte er.

    Trotzdem sorgte er sich, dass die Lehrerinnen nur wieder auf ihm rumhacken würden und er wollte am liebsten wieder nach Hause gehen.

    Als wir an der Schule ankamen, waren wir zu früh und der Große schnappte sich den Kleinen, um ihm die Schule zu zeigen.

    Stolz marschierte er mit dem Kleinen auf dem Arm über den Pausenhof und einige Kinder folgten ihnen neugierig.

    Natürlich überwachte ich die Situation genau, denn ich hatte Sorge, dass er den Kleinen fallen lassen könnte, wenn dieser loszappelte.

    Doch alles ging gut.

    Ich schritt erst ein, als er ihn auf einer Bank krabbeln ließ und dabei nicht allzu achtsam war.

    Fünf Minuten vor der Zeit kam dann die Mathematiklehrerin auf uns zu und zitierte uns schon einmal in den Klassenraum.

    Die zwei anderen Lehrerinnen warteten dort schon.

    Mir war ein wenig unbehaglich, denn ich fürchtete die üblichen Aussagen zu hören und das auch noch von zwei Damen, die augenscheinlich jünger als ich waren.

    Mir war das peinlich.

    Ich als schon „ältere“ Mami sollte doch meine Kinder im Griff haben können.

    Als die Mathematiklehrerin wiederkam, setzte sie sich zu uns und das Gespräch begann.

    Es war sofort ersichtlich, wer diese „Talkrunde“ anführen würde.

    Die Mathelehrerin, augenscheinlich älter als ich, sah sich in der Rolle des Alphaweibchens und begann das Gespräch.

    Sie fiel auch den anderen Damen ins Wort und beendete die Runde.

    Ganz so, wie mein Mann sie am Telefon kennengelernt hatte.

    Naja, fast.

    Denn bevor sie weitermachen und anschließend das Gespräch beenden konnte, hatte er ja schon aufgelegt.

    Jetzt verstand ich warum, nur dass sie hier nicht laut wurde.

    Es wurde berichtet, dass sich mein Großer seit dem besagten Freitag super am Unterricht beteiligte – bis auf ein paar Ausrutscher – und er auch viel „wacher“ im Unterricht wirkt.

    Die Deutsch-/Sachkundelehrerin berichtete, dass sie manchmal wirklich beeindruckt von ihm wäre.

    Mein Großer hatte ihr zu einem Thema wohl sogar eine Grafik an die Tafel gemalt, welche sie so noch nie von einem Schüler gesehen hatte.

    Sie sagte auch, dass es schade sei, dass mein Großer nicht aktiv am Unterricht teilnimmt, weil er locker ein Zweierschüler sei.

    So zogen sich die Äußerungen über meinen Sohn eine Weile hin.

    Das Positive überwog ganz offensichtlich und er saß sichtlich geschmeichelt auf seinem Stuhl.

    Ich schaute ihn währenddessen mit einer Mischung aus Stolz und Ungläubigkeit an.

    War das tatsächlich mein Kind, über das sie dort sprachen?

    Leider wissen wir bis heute nicht, warum er sich so in der Schule verhält.

    Aber gut zu wissen, dass ich die ganze Zeit recht hatte mit meiner Aussage:

    Mein Kind ist nicht dumm!

    Wäre er dumm, dann hätte ich das hingenommen und ihn nicht zu Tests, Ärzten etc. hingeschleppt.

    Meine Ambition ist es, ihn für sein Leben fit zu machen und den besten Start zu ermöglichen.

    Ich denke, das möchte jede Mutter.

    Leider weiß man nie, ob man alles richtig macht.

    Jedes Kind ist anders und es liegt dummerweise keine Gebrauchsanweisung dabei, wenn sie aus uns rauskommen.

    Jetzt sind erst mal Ferien und ich hoffe, dass diese keine negativen Auswirkungen haben werden.


    Reflexion:

    Nun, rückblickend ist klar, dass das Kind eben nicht nur ADHS hat, sondern auch Asperger-Autismus.

    Mit diesem Wissen machen die beschriebenen Situationen durchaus Sinn.

    Was ich aber überhaupt nicht gut finde – und leider höre ich das heute immer noch oft –, ist, dass Eltern von neurodiversen Kindern, heute oft „Systemsprenger“ genannt, sich in der Schule oder auch im Kindergarten wie bei einem Tribunal fühlen.

    Sehr oft sitzt man mehreren Pädagogen/Lehrern gegenüber und weiß nicht, wie einem geschieht.

    Ich wäre dafür, dass Pädagogen, die auch noch in einer Inklusionseinrichtung arbeiten, eine intensive Einführung darin bekommen, wie man neurodiverse Kinder erkennt.

    Ein Empathie-Training wäre ebenfalls nicht zu verachten.

    Es ist in den meisten Fällen bestimmt auch nicht böse gemeint, aber als Eltern fühlt man sich wie auf der Anklagebank.

    Verurteilt und in eine Schublade gesteckt:

    Unfähig, das eigene Kind zu erziehen.

    Falls das jemand aus dem Fachbereich liest:

    Bitte setzen Sie sich dafür ein, dass diese Nische besser aufgearbeitet wird.